Schleichwege

Oder was sind die Familiengrundlagen, die zu einem « so verrückten » Unternehmen in den Augen der Leute führen?

Vor kurzem sagte mir eine Bekannte über unsere Reiseprojekte: „Wie beneidenswert ist das denn, dass ihr so frei leben könnt!“ Da habe ich ein wenig geniert mit einer Art Verneinung geantwortet, weil das überhaupt nicht meinen Gefühlen entspricht. Aber diese Bemerkung kommt in einer Reihe von anderen, die mir in den letzten Monaten immer nachzudenken gegeben haben, nachdem sie mich manchmal sogar ein bisschen beleidigt hatten, wie zum Beispiel: „Ihr seid so schön anders!“  oder noch etwas über unsere „gemütliche und freundliche Unordnung“: Sind wir wirklich so sehr anders, inwiefern und warum fügen die Leute immer zu einem eher negativen Adjektiv ein Wort hinzu, das eher positiv klingt, und bilden somit eine Art Antithese, die glauben lässt, dass wir zu beneiden sind? … Vorsicht, hier wird’s fast philosophisch! Ja ja, ich weiß… Mir wird oft gesagt, dass ich zu viel nachdenke.

Zunächst: Sind wir wirklich so anders und wie anders? Und nun spreche ich für mich mehr als für Pascal, der seine Wahrheit später mitteilen wird, wenn ihm danach zumute ist. Was mich angeht, habe ich mich immer neben der Spur gefühlt, ich fand die Interessen der anderen oberflächlich und stellte mir eher 100 existentielle Fragen pro Tag. Nicht einfach. Wie schön wär’s gewesen, wenn selbst ich wie die anderen einfache Sachen hätte genießen können! Als Teenie habe ich deshalb versucht, ins Schema zu passen, das Chamäleon-Kostüm anzuziehen, um mich zu integrieren und vielleicht dieselben Freuden wie die anderen erleben zu dürfen. Das Kostüm: ok. Aber die Freude war nicht zu finden! Das einzige Zwischenspiel war für mich meine Zeit bei BILDGüZ, zwei deutsch-französische Partner-Vereine, denen ich viel zu verdanken habe, noch viel mehr als die Begegnung meines Mannes und Vaters meiner Kinder selbst. Der Erwachsenenalltag ließ mich fast daran glauben, wie alle andere zu leben. Aber nur fast ! Denn schließlich waren diese aufdringlichen Fragen immer noch da, dieser Drang, es gut zu machen. Oder richtiger, es besser zu machen. Nicht besser als die anderen, nein! Einfach besser, denn alles wird in meinem Kopf immer in Frage gestellt, selbst im Alltag und ich denke immer darüber nach, was nicht richtig genug klingt und suche nach einer Lösung – sogar, oder gerade bei dem Elternsein!  Und Pascal dabei? Als Paar haben wir uns erstmal gut angepasst. Naja… Das hätte ich gerne geglaubt, bis unser erstes Kind geboren ist. Der Kinderwagen wurde einmal rausgeholt, als wir nach der Geburt die Klinik verließen (denn so machen das Eltern, oder!?), dreimal noch für die Großmütter. Wir haben uns eher für das Tragetuch entschieden, einfacher, gemütlicher und befriedigender unserer Meinung nach. Das (besonders für Frankreich) relativ lange Stillen und das Schlafen der Kinder bei uns im Bett haben sich so ergeben. Für die windelfreie Methode haben wir uns bewusst entschieden, weil unsere Beobachtungen so gut dazu passten, als wir davon hörten, dass wir sofort damit anfingen. Unsere Älteste war drei Monate alt und mit den beiden anderen haben wir schon direkt nach der Geburt begonnen. Folgen dann blauäugige Versuche in den Bereichen Gesundheit, Erziehung und Familienurlaub. Die Enttäuschung und die Langeweile waren jedoch zu groß und so suchten wir nach Schleichwegen. Dazu gehört auch die progressive Wende in ein Zero-Waste-Leben vor mehr als drei Jahren.

Kurzum gesagt gebe ich zu: Wir machen nicht alles genau wie die meisten. Aber sind wir deshalb so anders? Kann sein… Schließlich ist bestimmt meine hartnäckige Lust nach Integration, die mich dazu bringt, die Wahrheit nicht anzunehmen, Schuld daran. Heute jedenfalls findet unser Umzug in kaum mehr als einen Monat statt. Aber diesmal auch nicht wie es die anderen für gewöhnlich tun, sondern drei Monate lang auf Rädern. Ausnahmen gibt es dennoch, sogar viel außergewöhnlicher als wir! Wir bleiben in Europa, fahren nicht mehr als drei Monate lang und werden unsere Aufgaben für die Gemeinschaft erledigen, indem wir unser Ökodorf von der Gelegenheit profitieren lassen, über uns vieles zu lernen. Das schlechte Gewissen, das ich wegen unserer quasi Abwesenheit spüre, gehört mir. Pascal genießt das Projekt in vollen Zügen, stellt sich viel weniger und nur konkrete Fragen – und Zwänge. Ich beneide ihn, selbst wenn es manchmal zwischen uns zu Missverständnissen führt.

Anschließend: Warum diese Antithese? Diese Frage ist viel schwieriger zu beantworten, denn sie verlangt keine Introspektion, sondern eher, dass ich in die Gedanken der anderen eindringe. Ihre Bilanz ist endgültig: Wir sind anders. Unsere Familie ist zunächst immer ein wenig ausländisch: in Frankreich Deutsche, in Deutschland Franzosen, woanders, na gut, da sind wir sowieso Ausländer aber das versteht sich von selbst. Und dazu machen wir viel anders als die meisten, wie wir es oben erläutert haben. Das Thema des Erscheinungsbilds, das viele für so wichtig halten, besonders hier in Deutschland, wo es vor den Häusern so geputzt und putzig sein soll, ist sowieso für uns seit langer Zeit in den Hintergrund gerutscht. Naja, wir mussten uns auch damit abfinden, Prioritäten zu setzen und dazu unsere Prinzipien einzuhalten! Daher Sauberkeit gegen Ordnung: Wir sind chaotisch. Ökologie gegen Schein: Unser Garten ist voller Laub aber aus guten Gründen! So bildet sich Humus und Igel sowie Insekten finden einen Schutzplatz. Unsere Hecke ist nicht regelmäßig geschnitten. Damit die Amsel weiter brüten kann! Unser Auto ist schmutzig. Klar! Wir bevorzugen das Waschen unserer drei Kinder als das unseres Autos. Und die Kinder werden von uns genug mit Ordnung gestresst also ein bisschen Chaos gegen Familienfrieden… Aber ja, ich sehe ein, dass uns negative Adjektive zugeschrieben werden. Ich bin der Gründe bewusst und ich verteidige sie sogar! Wie gerade. Aber warum empfinden die Leute das auch als positiv? Ich glaube schließlich, dass sie sich von dem Blick der anderen und von den gesellschaftlichen Zwängen nicht loslösen können – selbst wenn sie es vielleicht so gerne machen würden –, dass sie es nicht wagen, einen Schritt zur Seite zu treten, um zu schauen, was besser gemacht werden kann – oder manchmal nicht besser. Weil sie Angst haben, einen Fehler zu begehen. Die Meisten sitzen fest in den gesellschaftlichen Zwängen und Anstandsregeln, machen das, was von ihnen erwartet wird. Unter diesen Bedingungen kann man auch integriert werden. Und wir? Wir nehmen lieber die Schleichwege. Aber ist das Freiheit?